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Junge Welt | Aus: Ausgabe vom 08.04.2017, Seite 15 / Geschichte
 
Unterwegs nach Petrograd
Vor 100 Jahren stieg Lenin in einen Zug
 
Von Leo Schwarz
Auf der Durchreise. Lenin (mit Schirm) am 13. April 1917 in Stockholm
Auf der Durchreise. Lenin (mit Schirm) am 13. April 1917 in Stockholm
В пути. Ленин (с зонтиком) 13 апреля 1917 года в Стокгольме

In der historischen Literatur über die Sowjetunion gibt seit etwa 25 Jahren eine Schule den Ton an, die von ihren Kritikern die »triumphalistische« oder »neotraditionalistische« genannt wird. Ihr Patron ist der US-Amerikaner Richard Pipes. Das Hauptgeschäft dieser Richtung besteht darin, früher einmal diskreditierte, auf die Emigrantenliteratur der 20er Jahre zurückgehende »Erklärungsansätze« zu rehabilitieren (freilich ohne die bei den alten Meistern noch quicklebendige antisemitische Komponente), die die russische Revolution als Ergebnis einer Verschwörung oder politischer Manipulation darstellen, nicht aber als Konsequenz der Handlungen »anonymer Massen« (Pipes).

Eine der bekannteren Marotten der Neotraditionalisten besteht darin, den »roten Oktober« ganz oder zum Teil auf logistische und finanzielle Unterstützung der Bolschewiki durch Deutschland zurückzuführen. »Lenins Zug«, der am 9. April 1917 am deutsch-schweizerischen Grenzübergang Gottmadingen abfuhr, und das »deutsche Gold« waren seit 1917 eine Obsession der unappetitlichsten Gegner der Bolschewiki, und von Anfang an wurden in dieser Angelegenheit Zusammenhänge verzerrt und in ganz großem Stil »Beweise« gefälscht. Nach 1990 blühte dieses Gewerbe noch einmal mächtig auf, wovon eine Reihe von Veröffentlichungen auf dem deutschen Buchmarkt, aber auch eine Spiegel-Titelgeschichte von 2007 (»Die gekaufte Revolution«, mit einer beiliegenden, ebenso betitelten Spiegel TV-Dokumentation) Zeugnis geben. Die britische Historikerin Catherine Merridale, die mit »Lenin on the Train« 2016 die vorerst letzte Veröffentlichung zum Thema vorgelegt hat, räumt zumindest ein, dass »westliche« Historiker bis in die jüngste Zeit munter Fälschungen als Belege ausgegeben haben, will das aber nur »leichtgläubig« (»credulous«) und nicht verlogen nennen. Das frei erfundene Treffen zwischen Lenin und deutschen Diplomaten auf einem Berliner Bahnhof, das Spiegel TV 2007 mit suggestiven Bildern als Tatsache ausgab, dementiert sie trocken (»no evidence in any source«). Das scheint fast schon mutig, ist im Grunde aber alles andere als sensationell, denn an Lenins Reise von Zürich nach Sassnitz ist seit Jahrzehnten nichts mehr rätselhaft. Man findet neben dem Schund durchaus auch verlässliche Literatur. Außerdem hat der Militärhistoriker Werner Hahlweg bereits 1957 die wichtigsten Dokumente aus dem Archiv des Auswärtigen Amts veröffentlicht. Die wesentlichen Abläufe lassen sich damit ziemlich genau rekonstruieren.

Lenins erster, wenig bekannter Impuls nach der Februarrevolution war es, über Frankreich und Großbritannien nach Russland zu reisen. Er beauftragte am 18. März Inessa Armand, ihm entweder den Pass eines Schweizers zu beschaffen oder sich in London umzuhören, ob die Möglichkeit der Durchreise bestehe. Erst Ende März, als die ersten Nachrichten über die an der schweizerisch-französischen Grenze abgewiesenen Russen eintrafen, ließ er diesen Plan ebenso fallen wie den, über Frankreich als »taubstummer Schwede« mit Papieren auszureisen, die ihm Jakub Hanecki in Schweden organisieren sollte (dem er dafür bereits ein Passbild zugesandt hatte).

Den Vorschlag, die Schweiz über Deutschland zu verlassen, machte am 19. März zuerst der linke Menschewik Jurij Martow. Er dachte sich diese Aktion als deutsch-russischen »Gefangenenaustausch« und setzte eine Einladung bzw. formale Billigung durch die Petrograder Regierung voraus. Das in Zürich gebildete überparteiliche »Zentralkomitee für die Rückkehr der in der Schweiz lebenden politischen Emigranten«, das mehrere hundert russische Exilanten vertrat, machte Martows Vorschlag – den Lenin sofort aufgriffen hatte – zu seiner Arbeitsgrundlage.

Der deutsche Gesandte in Bern, Gisbert von Romberg, erfuhr erst am 23. März durch eine vertrauliche Information des Schweizer Bundesrates Arthur Hoffmann, dass »hervorragende hiesige Revolutionäre den Wunsch hätten, über Deutschland nach Russland heimzukehren«. Am 25. März teilte das Auswärtige Amt mit, dass dagegen »keine Bedenken« bestünden und übermittelte schon am nächsten Tag die technischen Reisemodalitäten (Sammeltransport, Grenzübertritt Lindau oder Gottmadingen usw.). Zu diesem Zeitpunkt – und noch bis zum 4. April – war weder eine direkte Kontaktaufnahme mit Vertretern der Emigranten erfolgt, noch hatte das Auswärtige Amt ein spezielles Interesse an einzelnen Personen bekundet. Der führende Schweizer Sozialdemokrat Robert Grimm vertrat die Interessen des Komitees seit dem 28. März bei Hoffmann, der wiederum mit Romberg Kontakt hielt. Am Nachmittag des 4. April erschien der Schweizer Sozialist Fritz Platten bei Romberg, um über eine »sofortige Durchreiseerlaubnis« für eine Gruppe von »20 bis höchstens 60 Personen« zu verhandeln. Lenin, der Platten geschickt hatte, war dem deutschen Botschafter offensichtlich unbekannt, denn er schrieb dessen Namen in den ersten Depeschen falsch.

Auslöser dieses Besuches war ein Streit unter den Emigranten. Die Menschewiki und die Sozialrevolutionäre weigerten sich, ohne Einladung oder formale Billigung der Petrograder Regierung durch Deutschland zu fahren. Lenin war klar, dass dies hieß, die russische Revolution auch in Zukunft von der Schweiz aus zu verfolgen, und das war für ihn inakzeptabel. Platten übergab Romberg eine Liste mit Bedingungen, unter denen der Kreis um Lenin die Reise antreten würde (vor allem Exterritorialität des Wagens, Verkehr mit der deutschen Seite ausschließlich durch Platten, keine Auswahl der Reisenden durch die deutsche Seite, Garantie der Durchreise für alle). Erst jetzt zog Romberg nähere Erkundigungen über Lenin ein und meldete am 5. April nach Berlin, dass sich dieser »ausdrücklich für den Frieden ausgesprochen und scharf gegen den Krieg und dessen Befürworter« gewandt habe. Das allein war das für die deutsche Seite, die den russischen Kriegsgegner vom Hals haben wollte, entscheidende Kriterium. Die Oberste Heeresleitung erklärte sich am 5. April, das Auswärtige Amt am 7. April mit der Reise, die weder von den Militärs noch von den Diplomaten als Haupt- und Staatsaktion angesehen wurde, einverstanden. Der Vertrauensmann der Deutschen, Alexander Helphand (Parvus), hatte mit dieser Reise so wenig zu tun wie Kaiser Wilhelm II., der am 11. April, als Lenin gerade in Sassnitz ankam, einer Notiz in der Frankfurter Zeitung entnahm, dass sich in Zürich ein Komitee russischer Emigranten um die Ausreise nach Russland bemühe. Er teilte dem Reichskanzler mit, dass er nichts gegen einen Transit durch Deutschland hätte.

Unter den 33 Reisenden, die am 9. April 1917 kurz nach 15 Uhr in Zürich abfuhren, waren nicht nur Bolschewiki, sondern auch sechs Mitglieder des Allgemeinen Jüdischen Arbeiterbundes, drei Menschewiki und vier Mitglieder anderer Gruppen. Lenins Zug war der erste und kleinste einer Reihe von Transporten, die bis in den Juli hinein durchgeführt wurden. Der größte ging am 13. Mai 1917 von Gottmadingen nach Sassnitz ab. Er bestand aus 250 Personen, darunter so bekannte Namen wie Jurij Martow, Pawel Axelrod, Anatoli Lunatscharski, Angelica Balabanova und David Rjasanow. Kein Mensch ist je auf die Idee gekommen, diese Sozialisten – Freunde und Feinde der Bolschewiki – als deutsche Agenten zu denunzieren, und es ist möglich, ausführliche Einträge über diese Personen in angesehenen Lexika zu finden, in denen diese Bahnreise nicht erwähnt wird. Bei Lenin geht das aus irgendeinem Grund nicht. Wer begriffen hat, warum, darf sicher sein, dass sein kritischer Verstand funktioniert.

Источник: www.jungewelt.de
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